Louis und Selma Kahn

Ölmühlweg 5

Louis Kahn wurde am 28.3.1883 in Hausen über Aar geboren. Seine Eltern waren Meyer Kahn (30.10.1857) und Bertha, geb. Grünebaum (16.02.1859). Verheiratet war er mit Selma, geb. Löwenstein. Die Familie hatte zwei Söhne, Manfred (30.11.1913) und Hugo (21.11.1914).

Hausen über Aar gehörte zur jüdischen Gemeinde Kettenbach. Ihr Ursprung geht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Kettenbach bildete das Zentrum aller jüdischen Gemeinden des Aartales. Hier stand auch die Synagoge der Gemeinde. In den 30-iger Jahren wohnten in Hausen drei jüdische Familien mit insgesamt 14 Personen. Ihre Anwesen standen in der Aarstraße. In den örtlichen Vereinen waren sie sehr aktiv. Ein früherer Nachbar schrieb 2014: „Es waren für meine Familie hilfreiche und gute Nachbarn“.

Louis Kahn war Viehhändler. Die Mehrheit der deutschen Viehhändler, gemäß einer Erhebung aus dem Jahre 1917, waren Juden. Auch sein Schwiegervater Feist Löwenstein und dessen Söhne Albert, David und Hugo Löwenstein betrieben dieses Handelsgewerbe.

Der Handel mit Vieh wurde an vielen Orten in der Region betrieben. Um 1930 gab es beispielsweise in der Stadt Wiesbaden mit ihren heutigen Vororten 14 Viehhändler. Die Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben nach 1933 führte zu einem massiven Umsatzeinbruch auch in diesem Gewerbe.

Das Anwesen von Louis Kahn wurde Mitte der 30er Jahre von der Bank gekauft. Seine Söhne Hugo (22) und Manfred Kahn (23) emigrierten 1936 und 1937 nach Montevideo in Uruguay. Letztendlich musste auch Louis Kahn seinen Viehhandel einstellen. 1938 plante Louis Kahn mit seiner Frau Selma anscheinend den Söhnen zu folgen und ebenfalls nach Montevideo zu emigrieren. Er zog mit seiner Frau Selma zu seinem Schwiegervater Feist Löwenstein nach Königstein in den Ölmühlweg 5. Zwei Tage nach dem Novemberpogrom 1938, am 11.November 1938, wurden Louis Kahn und sein Schwager Albert Löwenstein in Königstein im Ölmühlweg 5 verhaftet und im Konzentrationslager Buchenwald interniert.

Im Konzentrationslager Buchenwald wurden bei dieser reichsweiten Aktion insgesamt 9.845 Juden interniert. Es starben bis Jahresende bereits 771 Menschen. Einer davon war Louis Kahn (55). Er starb am 19.11.1938. Es war der 48.Geburtstag seiner Frau.

Selma Kahn wurde am 19.11.1890 in Esch als Tochter von Rosa und Feist Löwenstein geboren. Nach dem Tod ihres Mannes und der Emigration ihrer kompletten Familie (Kinder, Vater und Brüder), wohnte sie ab Anfang 1939 wechselnd bei unterschiedlichen Freunden in Frankfurt und der umliegenden Region. Es ging ihr finanziell nicht gut. Selma Kahn erhielt Unterstützung von der jüdischen Wohlfahrtspflege.

Am 12.9.1939 zog sie nach Königstein in die Neugasse 1 zu Familie Steinberg. Sie beantragte immer wieder einen Auslandsreisepass zu Auswanderungszwecken. In einem handschriftlichen persönlichen Schreiben an den damaligen Bürgermeister von Königstein schrieb sie am 11. Mai 1940: „Ich habe 2 Söhne seit 3 u. 4 Jahren in Montevideo (Uruguay), dieselben haben mich zur Einwanderung angefordert und es sind bereits meine Papiere durch den zuständigen Herrn Konsul in Frankfurt am Main nach Montevideo an das Ministerium am 13. August 1939 übersandt worden. Wie mir bereits mitgeteilt wurde haben meine Kinder und Verwandten in USA die benötigten Mittel zur Einwanderung bereit gestellt …“.

Sie bekam keinen Auslandsreisepass zu Auswanderungszwecken. In Königstein blieb sie ungefähr ein Jahr bis zum 8.11.1940. Sie musste dann umziehen in die Hans-Handwerk-Straße 34, in eines der sogenannten etwa 300 „Judenhäuser“ in Frankfurt.

Am 7.6.1942 erhielt Selma Kahn die schriftliche Benachrichtigung ihrer Deportation. Der Zug verließ Frankfurt am Morgen des 11.6.1942 mit etwa 1.250 Juden. Der jüngste Deportierte war ein acht Monate altes Baby aus Wiesbaden. Nach zweitägiger Fahrt kam der Zug am Bahnhof Lublin an. Dort verließen ca. 190 als „arbeitsfähig“ klassifizierte Männer den Zug. Sie kamen ins Konzentrationslager Majdanek zur Zwangsarbeit. Der Zug fuhr weiter in das Konzentrationslager Sobibor, dieses bestand seit Mai 1942. Alle im Zug verbliebenen Juden, überwiegend Frauen, Kinder, Jugendliche und ältere Männer, wurden gleich nach dem Eintreffen im Vernichtungslager Sobibor ermordet – so auch die 51-jährige Selma Kahn.

Text: Christian Reichardt

Familie Katzenellenbogen

Ölmühlweg 33

Albert Katzenellenbogen wurde am 15. Januar 1863 in Krotoschin (Provinz Posen) geboren. Die jüdische Familie ist seit dem 15. Jahrhundert nachweisbar und erhielt ihren Namen nach dem hessischen Ort Katzenellenbogen, wo die Familie vorübergehend ansässig war. Nach Militärdienst und Jurastudium mit Promotion arbeitete Albert Katzenellenbogen als Rechtsanwalt am Landgericht in Frankfurt am Main. 1892 heiratete er Cornelia Josefine Doctor aus einer alteingesessenen Frankfurter jüdischen Familie. 1918 ließ sich Cornelia evangelisch taufen. Das Paar hatte drei Kinder, die auch alle evangelisch getauft wurden: Grete Helene (geb. 1893), Martha Sofie Anna (geb. 1897) und Adolf (geb. 1901).

Albert Katzenellenbogen wurde 1895 Syndikus der Mitteldeutschen Creditbank, 1897 Mitglied der Direktion und 1903 Mitglied des Vorstands. 1912 erhielt er den Titel Justizrat. 1929 erfolgte die Fusion der Bank mit der Commerz- und Privat-Bank. 1930, kurz vor seinem 67. Geburtstag, schied er auf eigenen Wunsch aus dem Vorstand aus und wurde in den Aufsichtsrat gewählt. Neben diesem Mandat war er Mitglied in weiteren 24 Aufsichtsräte, in sieben davon war er Vorsitzender.

Das Ehepaar Katzenellenbogen wohnte bis 1935 in der Dienstwohnung der Bank in der Neue Mainzer Str. 32 und zog dann nach Königstein in den Ölmühlweg 33, wo es seit 1912 ein Sommerhaus besaß, das man in Königstein „Villa Katzenellenbogen“ nannte. Das Ehepaar wohnte bis Ende 1938 in Königstein. Der Umzug nach Frankfurt in die Siesmayerstr. 7 war erforderlich, weil Cornelia Katzenellenbogen 1938 durch einen Schlaganfall weitgehend gelähmt war und die Geldmittel für den Unterhalt des großen Anwesens nicht mehr reichten. Der Gesundheitszustand von Cornelia Katzenellenbogen verhinderte auch die Emigration in die Schweiz, obwohl ein Schweizer Freund als Bürge eingetreten wäre.

Cornelia Katzenellenbogen starb am 19. April 1941. Die Gestapo überwachte die evangelische Beerdigung hinter den Friedhofshecken. Albert Katzenellenbogen bezog danach ein Zimmer in der Pension Zeppelin, einem sogenannten „Judenhaus“ in der Bockenheimer Landstraße 111. Von dort wurde er am 18. August 1942 zunächst nach Theresienstadt und dann am 25. August 1942 mit dem Transport „Bc-942″ nach Maly Trostenec deportiert. Alle Transporte mit der Bezeichnung „Bc“ waren „Todestransporte“.

Die Kinder der Familie Katzenellenbogen hatten folgende Schicksale:

Gretel heiatetet 1914 in erster Ehe den Leutnant Kurt Reichert, der schon kurz nach Beginn des 1 Weltkriegs fiel und seinen Sohn Rolf, geb. 1914, nie sah. In zweiter Ehe war sie mit Dr. jur. Erich Berndt verheiratet. Sie hatten einen Sohn Dieter (geb. 1922). Gretel Berndt lebte nach NS-Definition in „Mischehe“ und war deshalb von den Deportationen der Jahre 1941/1942 ausgenommen. Sie starb am 24. April 1944 an den Folgen eines Luftangriffs in Frankfurt.

Martha lebte zuerst in Berlin, dann in Freiburg und schließlich in Hamburg, wo sie 1984 starb.

Adolf, Jurist und promovierter Kunsthistoriker, war mit Elisabeth Martha Holzheu verheiratet. Sie hatten zwei Kinder, die Tochter Ruth (geb. 1937) und den Sohn John (geb. 1944). Adolf lebte mit Frau und Tochter in Konstanz. Er wurde am 9. November 1938 verhaftet und in das KZ Dachau gebracht. Schwer erkrankt kam er durch die Intervention seiner Schweizer Ehefrau frei und wurde in der Schweiz gesundgepflegt. Die Familie wanderte in die USA aus. Adolf wurde dort Professor für Kunstgeschichte. Er starb 1964 an den Spätfolgen seiner im KZ erlittenen Krankheit.

Für Albert und Cornelia Katzenellenbogen wurden in Frankfurt in der Neue Mainzer Str. 32 Stolpersteine verlegt, für ihre Tochter Gretel Bernd in der Paul-Ehrlich Str. 25a.

Text: Hartmut Schmidt

 

Henny und Miriam Katzenstein

Hauptstraße 11

Henriette, genannt Henny, Katzenstein, geborene Katzenstein, kam am 20. Mai 1890 in Königstein zur Welt. Ihre Eltern Kappel, genannt Jacob, und Josephine Katzenstein, geborene Bärmann, lebten in der Hauptstraße 11 und führten dort seit 1894 ein „Manufacturwarengeschäft“. Nach dem Tod des Vaters 1914 übernahm die Mutter das Geschäft. Henny ging bis 1906 in die Ursulinenschule. Nach ihrem Schulabschluss unterstützte sie ihre Mutter im Geschäft.

Henny heiratete 1925 Moritz Katzenstein, im gleichen Jahr wurde ihre Tochter Miriam geboren. Zwei Jahre später kam Sohn Daniel Jakob auf die Welt. Die Ehe von Moritz und Henny war nicht glücklich, wie sie selbst einige Jahre später schrieb. Moritz Katzenstein wanderte 1931 mit dem vierjährigen Sohn Daniel in die USA aus.

Nach dem Tod der Mutter 1936 wurde das Geschäft von Henny Katzenstein alleine weiterbetrieben. Diese Tätigkeit erlaubte es ihr, sich neben der Arbeit um ihre geistig behinderte Tochter Miriam zu kümmern. Das Geschäft sicherte ihr ein ausreichendes Einkommen, bis sie aufgrund des Boykotts der jüdischen Geschäfte am 31.3.1938 zur Aufgabe des Ladens gezwungen wurde. Bereits im September 1937 hatte sie mit dem Abverkauf der Waren begonnen.

Von einer verstorbenen Tante in den USA erhielt sie eine kleine Erbschaft, die es ihr ermöglichte, die Ausreise in die Staaten zu bezahlen. Die Ausreise wurde ihr jedoch erst genehmigt, nachdem der mit der Erbschaft betraute Anwalt dreimal eine Zahlung an die deutschen Behörden geleistet hatte. Zuvor hatte man sie informiert, dass bei Zahlung einer gewissen Summe ihr Auswanderungswunsch entsprechend positiv behandelt werde.

Im September 1938 konnte Henny mit ihrer Tochter in die USA flüchten. Seit ihrer Ankunft in New York erhielt sie dort eine Unterstützung aus einem Fonds. Ihrem Antrag auf Entschädigung wegen „Schadens im beruflichen Fortkommen“, den Henny Katzenstein 1962 aufgrund ihrer finanziellen Notlage stellte, wurde stattgegeben. Sie erhielt bis zu ihrem Tod im Oktober 1964 eine Rente aus Deutschland.

Text: Simone Hesse

Johanna Klemm

Adelheidstraße 1

Johanna Klemm wurde am 9. April 1886 unter dem Namen Johanna Löwenbaum in Frankfurt am Main geboren. Ihre Eltern, beide jüdischen Glaubens, betrieben in Frankfurt ein Geschäft, vermutlich im Einzelhandel. Johanna Klemm half dort immer wieder aus, ab 1919 leitete sie das Geschäft selbständig. Verheiratet war sie mit Max Klemm. Wie er besaß Johanna Klemm die evangelische Konfession. Aus der Ehe ging eine Tochter hervor, die nach ihrer Heirat nicht mehr in Königstein lebte. Das Ehepaar Klemm führte ein zunächst sehr einträgliches Zigarrengeschäft in Königstein in der Hauptstraße 23. Johanna Klemm war hauptsächlich für den Ein- und Verkauf sowie die Buchhaltung zuständig.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 sahen sich die Klemms zunehmenden Anfeindungen wegen Johannas jüdischer Abstammung ausgesetzt. So berichtet Johanna Klemm anlässlich eines Entschädigungsprozesses am 31. März 1954, dass ihr nach 1933 die Mitarbeit im Laden ihres Mannes zwar nicht amtlich verboten worden sei. Dennoch sei es ihr unter den politischen Umständen unmöglich gewesen, sich noch „dem Publikum“ zu zeigen. Da sie sich daraufhin vollständig aus dem Laden zurückgezogen habe, seien sie und ihr Mann bis 1940 nicht verfolgt worden. Gleichwohl hätten sie Schikanen aller möglichen Art erdulden müssen, die „von Seiten des Publikums oder sonstiger unkontrollierbarer Leute ausgingen“. Der Kreisleiter der NSDAP versuchte etwa im November 1938 die Schließung des Ladens zu erwirken. Da Max Klemm offiziell alleiniger Inhaber des Ladens war und er seine arische Abstammung nachweisen konnte, scheiterte der Versuch.

Max Klemm starb plötzlich am 25. September 1940. 1949 gab Johanna Klemm in einer schriftlichen Anlage einen Herzschlag als Todesursache an. Zugleich betonte sie aber, dass die weitergehende Ursache die „ihm zugefügte Aufregung“ gewesen sei. Nach Kriegsende kursierte in Königstein das Gerücht, Max Klemm habe sich wegen der Schikanen und den daraus resultierenden Belastungen erhängt. Nach dem Tod ihres Mannes war Johanna Klemm auf Druck der NSDAP gezwungen, ihr Zigarrengeschäft zu verkaufen. Da ihre Tochter verheiratet war, konnte diese das Geschäft laut Aussage von Johanna Klemm nicht übernehmen. Johanna Klemm verlor mit dem Verkauf des Ladens ihre Existenzgrundlage. Der Druck der Partei ging jedoch weiter. Zwar war sie nach dem Tod ihres Manns nach eigenen Angaben zunächst keinen speziellen Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt. Ab dem 19.9.1941 musste sie jedoch einen Judenstern tragen. 1942 schließlich musste sie ihre 4-Zimmer-Wohnung in der Adelheidstraße 1 aufgeben und Königstein verlassen. Ihre Wohnungseinrichtung stellte sie bei einer Firma in Frankfurt unter. Ein Bombenangriff vernichtete dort 1944 die Einrichtung vollständig.

Von Königstein zog Johanna Klemm nach Frankfurt und lebte dort zunächst in verschiedenen privaten Unterkünften, zuletzt in einer Wohnung in der Bleidenstraße. Die Gestapo zwang sie am 28. Februar 1943 in das sogenannte Judenhaus im Hermesweg 7 einzuziehen. Johanna Klemm berichtet in einer eidesstattlichen Erklärung vom 4. Mai 1950 von den Schikanen in diesem Haus. Die Gestapo habe in dem Gebäude ein Büro gehabt. Die Überwachung sei „ständig fühlbar“ gewesen. Ab 20 Uhr im Winter und ab 21 Uhr im Sommer hätten die Bewohner das Haus nicht mehr verlassen dürfen. Zeitweise wurden auch alle Bewohner unter Hausarrest gestellt. Sie durften das Haus nur verlassen, um der ihnen zugewiesenen Arbeit nachzugehen. Johanna Klemm vermutete, dass diese Maßnahme immer dann ergriffen wurde, wenn Deportationen erfolgten. Bei einem Bombenangriff im Oktober 1943 wurde das Haus im Hermesweg zerstört, sodass Johanna Klemm am 18. Oktober1943 in ein sogenanntes Judenhaus an der Ostendstraße umziehen musste. Auch in diesem Gebäude sei die Überwachung durch die Gestapo fühlbar gewesen.

Am 8. Januar 1944 wurde Johanna Klemm im Alter von 57 Jahren in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Ihre Mutter Auguste Löwenbaum war bereits am 18. August 1942 von Frankfurt nach Theresienstadt deportiert worden und dort kurze Zeit später verstorben.

Im Zuge der Deportation musste Johanna Klemm auch die letzten ihr verbliebenen Wertgegenstände, den Ehering ihres Mannes sowie ein Paar Perlenohrringe, abgeben. Sie berichtete, dass sie in Theresienstadt von gewaltsamen Übergriffen verschont geblieben sei. Sie sei jedoch nach einem Vierteljahr im Ghetto erkrankt, was sie auf die ihr zugefügten Leiden der letzten Jahre zurückführte. Sie habe in der Folge nur noch leichte Arbeiten wie Näharbeiten ausführen können. In einem Bericht an den Königsteiner Bürgermeister aus dem Jahr 1946 gab Johanna Klemm an, in Theresienstadt den Königsteiner Juden Adolf Heß getroffen zu haben. Auch bezeugte sie dessen Abtransport an einen unbekannten Ort. Am 2. Juli 1945 wurde sie aus dem Lager befreit. Trotz des ihr widerfahrenen Unrechts kehrte sie nach Königstein zurück. Am 10. Juli 1945 sandte ihr Bürgermeister Hubert Faßbender Blumen und einen Brief. Darin versicherte er ihr, dass er und die überwiegende Mehrheit der Königsteiner Bürger das an ihr begangene Unrecht „aufs tiefste bedauern und verabscheuen“ würden. Die Stadtverwaltung werde sich, soweit möglich, um Wiedergutmachung bemühen.

Als ehemals rassisch Verfolgte hatte Johanna Klemm Anspruch auf zwei Zimmer, welche sie in der Stresemannstraße 8 bezog. Sie lebte dort bis 1961, um dann ihren Lebensabend im Seniorenstift in Oberursel zu verbringen. Für das ihr widerfahrene Unrecht erhielt Johanna Klemm mehrere Entschädigungszahlungen sowie eine Rente wegen Schadens an Körper und Gesundheit. Mehrmals musste sie jedoch vor Gericht ziehen, um ihre Ansprüche gegen die Behörden durchzusetzen. So wurde ein Antrag auf Entschädigung für das Tragen des Judensterns vom Landgericht Wiesbaden abgewiesen, da Johanna Klemm es versäumt hatte, die Antragsfrist zu wahren.

Von ihrer Rente und den Entschädigungen konnte Johanna Klemm ihren Lebensunterhalt kaum bestreiten. 1962 beklagt ihr Anwalt in einem Schreiben, dass ihre Rente nicht einmal ausreiche, um die Unterbringungskosten im Altersheim zu decken. 1963 erreichte sie mit Hilfe ihres Anwalts eine Erhöhung der Rente. Trotz aller Leiden war Johanna Klemm kein verbitterter Mensch. Die ehemalige Leiterin der Königsteiner Stadtbibliothek, Hildegard Berberich, lebte wie Johanna Klemm in der Stresemannstraße 8. Sie erinnert sich an sie als eine ruhige, geduldige Person mit großmütterlichem Aussehen. Sie sei eine „Seele von Mensch“ gewesen. Über die Vergangenheit habe sie fast nie gesprochen, die Sache sei für sie erledigt gewesen. Sie habe wieder aktiv am Leben in Königstein teilgenommen, etwa in der evangelischen Kirchengemeinde.

Johanna Klemm starb am 13. Oktober 1973.

 

Text: Schülerinnen und Schüler der Taunusgymnasiums Königstein

Familie Löwenstein

Ölmühlweg 5

Ferdinand, genannt Feist, Löwenstein wurde am 11.8.1858 in Langendernbach geboren. Als er am 20.10.1936, im Alter von 78 Jahren, zusammen mit seinem Sohn Albert nach Königstein kam, war er bereits Witwer. Seine Frau Rosa (geb. Steinberg) war verstorben.

Gelebt hatten sie davor in Esch. Esch war ein Teil der jüdischen Gemeinde Idstein die bis Ende der dreißiger Jahre bestand. Feist Löwenstein gehörte immer wieder zu den Vorstehern der Gemeinde. Die Synagoge der Gemeinde stand in Idstein. Die Familie hatte eine kleine Landwirtschaft und Feist war Viehhändler. Seine Geschäfte übertrug er 1934 auf den Namen seines in Esch geborenen Sohnes Albert (25.3.1902).

Mehr als die Hälfte der ca. 40.000 deutschen Viehhändler waren 1917 noch Juden. Lange Zeit wurden ihnen handwerkliche Berufe verwehrt. So blieb vielen Juden nur der Handel. Es zählt der Viehhandel zu den ältesten Geschäftsfeldern von Juden in Mitteleuropa. Der spätere Bürgermeister von Esch, Willy Moog, beschrieb 1957 das Geschäft des Viehhändlers Feist Löwenstein bis 1933 als „sehr gut“. Er hatte acht Jahre neben ihm auf der Schulbank gesessen und war ein sehr guter Freund von Albert. Seine Brüder David und Hugo Löwenstein betrieben ebenfalls einen Viehhandel in Idstein. Seine Schwester Selma war mit dem Viehhändler Louis Kahn in Hausen verheiratet.

Aufgrund antisemitischer Umtriebe, wie Albert schrieb, verließ er 1936 mit seinem Vater Esch und sie gingen nach Königstein. Albert Löwenstein kaufte ein Grundstück mit Haus im Ölmühlweg 5. Kurz nach dem Einzug wurde ihnen jedoch der Gewerbeschein entzogen und damit die Grundlage ihres Geschäftes genommen. Der Viehhandel musste noch 1936 wieder eingestellt werden. Feist Löwenstein und sein Sohn Albert entschlossen sich 1938 in die USA zu emigrieren. Das Grundstück wurde wieder verkauft und ein Auslandsreisepass beantragt. Im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938 wurde Albert am 11. November 1938, im Ölmühlweg 5 verhaftet und im Konzentrationslager Buchenwald interniert. Am 11. Dezember wurde er wieder entlassen. Die Genehmigung für die Ausstellung eines Auslandsreisepasses zwecks Auswanderung erhielt er kurze Zeit später, am 22. Dezember. Sein Vater hatte schon die Genehmigung. Sie emigrierten am 26. Januar 1939 von Hamburg aus mit dem Dampfer „Hamburg“ nach New York. Im Februar 1955 stellte Albert Löwenstein einen Antrag auf Grund des Bundesentschädigungsgesetzes zur Entschädigung für Opfer der national-sozialistischen Verfolgung. Er lebte zu dem Zeitpunkt in Windsor im Bundesstaat Connecticut in den USA. Seine beiden Brüder aus Idstein konnten ebenfalls in die USA emigrieren. Seine Schwester und sein Schwager wurden im Konzentrationslager ermordet.

Text: Christian Reichardt

Siegfriede Marx

Ölmühlweg 12

Siegfriede Marx wurde am 25. April 1886 in Königstein geboren. Sie kam fünf Monate nach dem Tod ihres Vaters Siegfried zur Welt und wurde wahrscheinlich nach ihm benannt. Die Familie wohnte in der Frankfurter Straße. Die Eltern waren beide israelitischen Glaubens. Die Mutter Clara Marx, geb. Salomon, zog später mit dem älteren Sohn Friedrich und Siegfriede von Königstein weg.

Siegfriede blieb unverheiratet. Zum 1. Januar 1927 kam sie von Frankfurt wieder in ihren Geburtsort zurück und arbeitete als Laborantin für klinische- und Röntgen–Untersuchungen im Sanatorium Kohnstamm. Hier, im Ölmühlweg 12, wohnte sie auch.

Zum 30. September 1938 wurde den jüdischen Ärzten des Hauses die Arbeitserlaubnis entzogen. Damit kam der gesamte Betrieb des Hauses zum Erliegen und auch Siegfriede Marx verlor ihren Arbeitsplatz. Am 5. Oktober 1938 ging sie zurück nach Frankfurt in die Langemarckstraße 64. Die letzten sechs Wochen in Deutschland verbrachte sie in der Savignystraße 55.

Sie bereitete ihre Auswanderung nach England vor und hatte Erfolg. Ihre Abmeldung von Frankfurt zur Auswanderung ist auf den 17. August 1939 datiert. Über die Flucht und ihren Aufenthalt in England ist nichts bekannt, sie lebte dort bis mindestens Anfang 1947. Im März 1950 war sie zwischenzeitlich nach New York übergesiedelt und verdiente sich ihren Lebensunterhalt als Dienstmädchen. Sie starb am 14. Juni 1954 im Alter von 68 Jahren.

Text: Barbara Kramer

Familie Matthias

Hauptstraße 21

Die am 14. Februar 1882 in Karlsruhe geborene Marta Matthias, geb. Lippmann, war laut Meldekartei von Januar 1931 bis 1936 mit zweitem Wohnsitz in der Hauptstraße 21 gemeldet. Ihren Hauptwohnsitz hatte sie in Frankfurt in der Große Gallusstraße. Marta Matthias hatte zwei Kinder Bernd Theo (geb. 8.6.1918) und Judith Luise (geb. 18.6.1920). Die Familie war jüdischen Glaubens.

1923 hatte Marta Matthias das Haus Hauptstraße 21 nebst Park und Gartenvilla von Alfred Franz Borgnis gekauft. 1926 bot sie das Anwesen der Stadt Königstein zur Miete und nur einen Monat später über die Maklerin Louise Gemmer-Henlein auch zum Kauf an. Im Juli 1926 beschlossen die Stadtverordneten, das Angebot anzunehmen, Anfang August 1926 wurde der Kaufvertrag unterzeichnet. Der Kaufpreis betrug 120.000 Goldmark (GMk), die Stadt machte eine Anzahlung von 20.000 GMk, der Rest wurde für zehn Jahre bis zum Jahr 1936 gestundet. Die „Goldmark“ unterschied sich von der durch Inflation entwerteten Reichsmark durch ihr fest definiertes Verhältnis zum Gold und entsprach 0,358423 Gramm Feingold.

Marta Matthias behielt eine Wohnung im Südflügel des Hauses Hauptstraße 21. Auch die Familie Borgnis hatte dort noch eine Wohnung. Marta durfte einen kleinen Abschnitt des Parks privat nutzen, ebenso wurde ihr die unentgeltliche Belieferung mit Blumen und Gemüse aus der Gärtnerei zugesichert. In der Gartenvilla richtete die Stadt ihr neues Kurhaus ein.

Offensichtlich hatte die Stadt 1936 nicht genügend Geld, um den am 1. August 1936 fälligen Restbetrag der Kaufsumme zu zahlen. In einem Schreiben vom 26. März 1936 an die Stadt Königstein bot Marta Matthias eine weitere Stundung an. Den mit Schreibmaschine auf ihrem mit „MM“ bedruckten Briefpapier getippten Vorschlag unterschrieb sie: „Mit deutschem Gruß“. Schließlich kam es zwischen der „Witwe des Herrn Ludwig Matthias“ und Bürgermeister Dr. Otto Albrecht zu einer Änderung des Kaufvertrags: Auf die „Restkaufgeldforderung“ zahlte die Stadt einen Teilbetrag von 25.000 Goldmark. Die restlichen 75.000 Goldmark sollten von der Stadt ab August 1936 verzinst und regelmäßig laut einem Tilgungsplan mit 8750 Goldmark jährlich abgetragen werden. Marta Matthias räumte zum 1. April 1936 ihre Wohnung im Südflügel der Hauptstraße 21 und zog für ein halbes Jahr in den Nordflügel. Zum 31. Oktober 1936 musste sie endgültig ausziehen und meldete sich zu ihrem Hauptwohnsitz in Frankfurt ab.

Ihr Sohn Bernd Matthias promovierte 1943 an der ETH Zürich in Physik und ging dann in die USA, wo er u.a. am Massachusetts Institute of Technology (MIT), an den Universitäten von Chicago und Kalifornien über Supraleiter forschte. Nach ihm ist der Bernd T. Matthias Prize for Superconducting Materials benannt.

Seine Schwester Judith war zunächst im Internat in der Schweiz. Als das Geld aus Deutschland ausblieb, musste sie in der Landwirtschaft arbeiten. Später sorgte ihr Bruder dafür, dass sie in die USA nachkommen konnte. Nach dem Krieg arbeitete sie als Dolmetscherin bei internationalen Organisationen. 1950 heiratete sie den italienischen Pianisten Massimo Bogianckino (1922-2009), der in den 1980er Jahren die Opéra de Paris leitete und danach Bürgermeister von Florenz wurde. Judith Matthias kam, wenn sie beruflich in Frankfurt zu tun hatte, auch nach Königstein, um hier ihre Jugendfreundin Katharina Köster zu besuchen.

Für die Familie Matthias wurden noch keine Stolpersteine verlegt.

Text: Petra Geis

Clementine Mayer

Klosterstraße 2

Clementine Mayer kam erst spät nach Königstein. Sie zog im Alter von 70 Jahren hierher zu ihrer Tochter Berta Heß. Sie war eine gebürtige Clementine Hammel aus Gemünden, heute zugehörig zur Verbandsgemeinde Kirchberg im Hunsrück. Sie wurde dort am 11.11.1868 geboren.

Ihre beiden Töchter Berta (*1893) und Sybilla (*1898) kamen in Cönen nahe Trier zur Welt. Am 8.9.1939 zog sie nach Königstein. Hier fand sie eine Bleibe im Hotel ihrer Tochter Berta und bewohnte ein Zimmer.

Ihre zweite Tochter Sybilla, die mit dem Metzger und Viehhändler Moritz Steinberg ebenfalls in Königstein verheiratet war, war zu diesem Zeitpunkt bereits in die USA ausgewandert.

Clementine Mayer wurde mit der Familie ihrer Tochter am 1.9.1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort starb sie nach wenigen Wochen am 2.11.1942.

Text: Barbara Kramer

Moritz Seligmann

Thewaltstraße 9

Moritz Seligmann wurde am 25. Juni 1881 in Gau-Algesheim bei Bingen geboren. Seine Eltern waren August und Rosa Seligmann. Von Beruf war er war Kaufmann. Im Ersten Weltkrieg erhielt er das Frontkämpferehrenkreuz, bis Oktober 1919 war er zwei Jahre lang in Kriegsgefangenschaft.

Moritz Seligmann war Mitglied im „Radfahrerverein 1898 e.V. Gau-Algesheim“. Er war dort Fahrwart, zeitweise auch Kassenprüfer und übernahm auch die Aufsicht bei Rennen. Ihm wurde „ausgleichendes Wesen“ attestiert. Kurz bevor er nach Königstein kam, gehörte er dem Festausschuss und der Vergnügungskommission für das 25-jährige Stiftungsfest an. 1925 ließ er sich sein Erbe auszahlen und verließ Gau-Algesheim aus unbekannten Gründen.  Nach Königstein zog er zusammen mit seiner Frau Therese geb. Diekenscheid im Oktober 1925 und lebte hier in der Theresenstraße 5. In den 1930er Jahren war der mittlerweile geschiedene Moritz Seligmann in der Thewaltstr. 9 in einem städtischen Haus zur Untermiete gemeldet.

Moritz Seligmann gehörte zu den Königsteiner Männern, die nach der Reichspogromnacht am 11. November 1938 festgenommen und nach Buchenwald gebracht wurden. Ein Zeitzeuge, der auch in der Thewaltstraße 9 wohnte, erinnert sich daran, wie Moritz Seligmann die Treppe herunter kam, als er damals abgeholt wurde. Er hatte einen dicken Mantel an und zeigte auf das EK des Ersten Weltkriegs. „Das ist meine Versicherung“ flüsterte Moritz Seligmann. Aus der „Einlieferungs – Sistierungs –Anzeige“ geht hervor, dass Seligmann zu diesem Zeitpunkt als Erwerbsloser bei der Stadt Königstein beschäftigt war. Im Dezember 1938 schrieb Moritz Seligmann aus dem Konzentrationslager Buchenwald auf einer vorgedruckten Postkarte an die Polizei-Verwaltung Königstein:
„Hierdurch möchte ich Sie höfl bitten, der Kommandantur des Konzentrationslagers Buchenwald-Weimar zu bestätigen, dass ich im Besitz der von Ihnen erhaltenen Ehrenurkunde des verliehenen Frontkämpferkreuzes bin … Vielen Dank für Ihre freundliche Bemühung Moritz Seligmann“

Am 22. Dezember 1938 schrieb die Geheime Staatspolizei in Frankfurt an den Landrat in Bad Homburg:
„Der Jude Moritz Seligmann, wohnhaft in Königstein, Thewaltstr. hat sich bereit erklärt bis 31.3.39 auszuwandern. Er ist angewiesen, sich 2 Mal wöchentlich auf seinem Wohnrevier zu melden. Ich bitte, die Meldungen des Obengenannten zu überwachen und die Meldetage auf der Rückseite dieses Schreibens zu vermerken. Falls S. bis zu dem festgesetzten Termin nicht zur Auswanderung gekommen ist, bitte ich ihn festzunehmen und in das Polizeigefängnis einzuliefern unter Beifügung dieses Schreibens.“

Am 28. März 1939 gab es wieder ein Schreiben der Frankfurter Gestapo. Darin wurde bestätigt, dass der „Aktionsjude“ Moritz Seligmann wohnhaft in Königstein, Neue Gasse 1 als Frontkämpfer am Weltkrieg teilgenommen hat. „Für ihn wird daher die Meldepflicht und die Auswanderungspflicht aufgehoben.“ Weil er sich bereit erklärt hatte auszuwandern, wurde Moritz Seligmann Ende 1938 aus dem KZ Buchenwald entlassen. Auch die Teilnahme am ersten Weltkrieg könnte seine KZ-Entlassung unterstützt haben. Allerdings zog er dann von der Thewaltstraße in die Neugasse 1 in das Haus von Sally Cahn, der auch in Buchenwald war. Man kann davon ausgehen, dass Moritz Seligmann nicht ganz freiwillig in die Neugasse 1 gezogen ist. Möglicherweise hatten seine Vermieter sein Zimmer in der Zeit, in der er in Buchenwald war, an jemand anderes vermietet.

Im Juni 1940 wurde Moritz Seligmann von der Reichsvereinigung der Juden, Abt. Fürsorge unterstützt. Er wollte auswandern, deshalb gab es zunächst eine Sicherungsanordnung. Da er jedoch ein geringes Einkommen hatte, wurde diese am 26. 6. 1940 wieder aufgehoben. Warum seine Auswanderung scheiterte, erklärt die „höhere Nummer“ auf die Moritz Seligmann in einem handschriftlichen Schreiben vom 11. Mai 1940 an den Königsteiner Bürgermeister verweist: „Auf das Schreiben v. 7. Mai 40 erlaube ich mir gef. Mitzuteilen, daß (ich) im Besitze einer Bürgschaft für U.S.A. bin. Doch meine höhere Nummer beim amerik. Consulat in Stuttgart konnte noch nicht aufgerufen werden und hoffe ich sobald als mögl an die Reihe zu kommen. Ich war Frontkämpfer bin im Besitze des Frontkämpferehrenkreuzes. Auch war ich 2 Jahre bis Okt. 19 in Kriegsgefangenschaft. Ich bitte um Verlängerung der Frist.“

Moritz Seligmann musste zu lange auf seine Auswanderung warten. Am 10. Juni 1942 wurde er „nach dem Osten abtransportiert“ wie die Königsteiner Meldekartei lapidar vermerkt. Wohin genau Moritz Seligmann kam und wann er starb ist unbekannt.

Text: Petra Geis

Dr. Bernard Spinak

Ölmühlweg 12

Dr. Bernard Spinak wurde als Sohn von Arija Spinak (Arya Szpinak) und Estera (Justina), geb. Welt, am 14. Oktober 1884 in Warschau geboren. Er studierte Medizin in Berlin, ansonsten ist über seine frühen Jahre nichts bekannt.

Am 30. April 1921 meldete er sich, von Berlin kommend, gemeinsam mit seiner 1888 ebenfalls in Warschau geborenen Ehefrau Julia in Königstein an. Zusammen mit Karl Fränkl hatte Bernard Spinak 1920 das Sanatorium Dr. Kohnstamm von den Erben des verstorbenen Dr. Kohnstamm erworben. Fränkl war der wirtschaftliche Leiter, Spinak übernahm die ärztliche Leitung zusammen mit dem früheren Mitarbeiter Kohnstamms, Dr. Max Friedemann.

Mit der Übernahme des renommierten Hauses, das weiterhin als „Sanatorium Dr. Kohnstamm“ betrieben wurde, erfolgten Reparatur- und Umbauarbeiten. Noch vor der Fertigstellung trafen die ersten Patienten ein. 1929 wurde Dr. Spinak als Geschäftsführer und Grundbesitzer des „Sanatorium Dr. Kohnstamm (Sanatoriumsgesellschaft mbH), Sanatorium für Nerven- und innere Krankheiten“ angegeben. Auch der in Berlin, Kurfürstendamm 13, wohnhafte Karl Fränkl war als Grundbesitzer eingetragen. Am 10. Oktober 1929 betrug die Anzahl der Beschäftigten 26 Personen. In den 1920er Jahren befanden sich auch Verwandte unter den Gästen, so der Kaufmann Arnold Spinak (vermutlich der Vater) und Fräulein Eugenie Spinak.

Dr. Bernard Spinak war im Vorstand der um 1930 zur Unterstützung von in Not geratenen Königsteiner Bürgern gegründeten „Notgemeinschaft“ engagiert. Im März 1933 stellte er sein Ehrenamt zur Verfügung, da ihm eine Äußerung über das „Unerwünschtsein seiner weiteren Mitarbeit in der Organisation“ zugetragen worden war. Der Vorstand der „Königsteiner Notgemeinschaft“ stellte sich daraufhin hinter ihn. Drei Wochen später jedoch gab er das Amt des Kassierers auf.

Bis zur Zwangsschließung im Jahr 1938 wurde das Sanatorium sehr gut frequentiert. Es geriet während der NS-Diktatur zunehmend unter Druck, durfte zwar weiter betrieben werden, stand jedoch ausschließlich jüdischen Patienten offen. In der Kur-Zeitung vom 25. September 1938 wurde das Sanatorium ausdrücklich als „nicht arisch“ bezeichnet, im Oktober 1938 wurde es zwangsweise geschlossen.

Dr. Spinak wurde nach Polen ausgewiesen, seine Abmeldung aus Königstein wird auf der Meldekarte am 27. Oktober 1938 eingetragen. Sein Kollege Dr. Max Friedemann emigrierte über London nach New York. Über Warschau gelang Spinak auf abenteuerliche Weise die Flucht in die USA. Seine Frau war bereits 1924 verstorben und hatte ihre letzte Ruhestätte auf dem Königsteiner Friedhof gefunden.

In den USA lebte Dr. Spinak in Kalifornien, konnte aber auf Grund seines Alters nicht mehr als Arzt arbeiten. 1945 war er der Krankenpfleger des berühmten Schriftstellers Franz Werfel, der schwer herzkrank war und im August 1945 starb. Dessen Witwe Alma Mahler-Werfel erwähnt Spinak in ihren Erinnerungen „Mein Leben“ mehrfach, so auch mit den Worten: „Der liebe Dr. Spinak ist Tag und Nacht in Bereitschaft“.

Nach dem Krieg besuchte Dr. Spinak mehrfach Europa. 1954 hielt er sich in Königstein, im Sanatorium Dr. Amelung, auf. Der damals 70-Jährige wird als klein und sehr lebhaft beschrieben. Einer Mitpatientin fiel auf, dass er sich im Ort bemerkenswert gut zurecht fand und er auch viele Königsteiner kannte. Sie erfuhr die Geschichte seiner abenteuerlichen Flucht aus Polen:

Ende 1938 hatte Spinak in Warschau niemanden aus seiner Familie wiedergetroffen. Er hörte von der Möglichkeit, über Triest in die USA auszuwandern und fuhr deshalb im Oktober 1939 mit dem Zug von Warschau nach Krakau. Hier war ein längerer Aufenthalt, der von der SS häufig dazu genutzt wurde, um Jagd auf jüdische Flüchtlinge zu machen. Im Bahnhof wurde Dr. Spinak plötzlich von einem hochgewachsenen SS-Mann in hessischer Mundart angesprochen: „Was machen Sie denn hier, Dr. Spinak?“ Der SS-Mann forderte den Arzt auf, die Armbinde mit dem Judenstern abzunehmen und ging mit ihm in ein Restaurant, in das Juden keinen Zutritt hatten. Später belegte der SS-Mann einen Platz im Zug nach Triest mit der Aufforderung an Dr. Spinak, sich bis zum letzten Augenblick vor der Abfahrt draußen aufzuhalten und dann schnell den Platz im Zug einzunehmen. So gelang Dr. Spinak die Flucht aus Polen und er erreichte über Triest die USA.

Der Name des SS-Mannes ist nicht bekannt, bekannt ist aber, dass dieser als Malerlehrling Anfang der 1920er Jahre bei den Umbauarbeiten im Sanatorium Dr. Kohnstamm beschäftigt war. Als er dort des Diebstahls überführt wurde, wollte der Malermeister ihn sofort entlassen. Dr. Spinak bestand aber auf einem längeren Gespräch mit dem jungen Mann und setzte sich mit Erfolg für dessen Verbleiben auf der Lehrstelle ein. Dies hatte ihm der ehemalige Lehrling wohl nie vergessen.

Bei einem Königstein-Aufenthalt erkundigte sich Dr. Spinak nach dem Mann, der ihm mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet hatte. Keiner in Königstein wusste, wo dieser war und es hieß, dass er aus dem Krieg nicht mehr zurückgekehrt war.

1954 bekamen Dr. Spinak und Clarence Franklin (so nannte sich Carl Fränkl jetzt) „die Liegenschaften des Sanatoriums in Bad Königstein durch eine vor dem hiesigen Amt (Entschädigungsamt Wiesbaden) geschlossenen Vergleich“ zurück. 1955 erhielt Dr. Spinak eine Entschädigung für den erlittenen „Schaden im wirtschaftlichen Fortkommen“. Bei einem Königstein-Aufenthalte im Jahr 1960 kümmerte sich Dr. Spinak intensiv um die Entschädigung. Die Königsteiner Adresse, die er der Entschädigungsbehörde angab, lautete Sanatorium Dr. Küchler. Er war somit an den Ort seines Wirkens zurückgekehrt, denn nach 1945 betrieb der Arzt Dr. Küchler ein Sanatorium in den Gebäuden des vormaligen Sanatoriums Dr. Kohnstamm.

Dr. Bernard Spinak, der in Los Angeles, 802 Vermon Avenue ansässig war, starb am 27. August 1963 während eines Aufenthaltes in der Schweiz. Im gleichen Jahr war ihm und Clarence Franklin eine weitere Entschädigung zugesprochen worden. Dem waren jahrelange „Verhandlungen“ vorausgegangen, die sich auch mit dem Wert der von Ernst Ludwig Kirchner im Brunnenhaus des Sanatoriums im Jahr 1916 geschaffenen Wandfresken „Badeszenen aus Fehmarn“ befasst hatten. Dabei galt es auch zu klären, wann genau die Wandgemälde zerstört worden waren.

Text: Beate Großmann-Hofmann